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Presbyter-Leitungsseminar April 2010: Referat von Klaus Jürgen Diehl
Presbyterleitungseminar im Kirchenkreis An der Agger April 2010
“Für Theologie ist bei uns allein der Pfarrer zuständig!“
Anmerkungen zur theologischen Kompetenz von Presbyterinnen und Presbytern
1. Ausgangssituation: Unangemessene Selbstbeschränkung von Presbytern trifft auf überzogenes Amtsbewußtsein von Theologen
Das Thema, das Sie mir für diesen Abend gestellt haben, ist ein bis heute oft gehörter Einwurf, wenn in einer Gemeinde über theologische Fragen diskutiert und entschieden wird. Häufig fällt dann der Satz: „Für Theologie ist bei uns allein der Pfarrer zuständig!“ – Nun, woher kommt dieser Satz? Unsere kirchliche Wirklichkeit ist nach wie vor durch die Unterscheidung von Theologen und Laien geprägt, die allein den Pfarrern aufgrund ihres Studiums theologische Kompetenz und damit Urteilsfähigkeit in Fragen von Lehre und Verkündigung zugesteht, während die sogenannten Laien – und damit auch Sie als Presbyterinnen und Presbyter - sich diesbezüglich kein eigenes Urteil zutrauen. Dabei hat sich besonders der Begriff Laie als verhängnisvoll erwiesen, weil er nach unserm Verständnis mit der Vorstellung fehlender Bildung bzw. Qualifikation verbunden ist. Als Laie sind Sie eben Nicht-Fachmann, d.h. nicht sachkundig und können daher in theologischen Fragen nicht mitreden. Schaut man jedoch auf die sprachliche Wurzel des Wortes Laie, so liegt diese im griechischen Wort laos, was schlicht mit Volk übersetzt wird und in der Bibel dann auch die Bedeutung Volk Gottes hat. Während die Frühe Kirche noch daran festhielt, dass auch einfache Glieder des Volkes Gottes ohne ein bestimmtes Amt wie Bischof, Diakon oder Ältester zur Priesterschaft und damit auch zu geistlicher Urteilsfähigkeit berufen sind (1. Petrus 2, 9), wurde mit der Zeit die Kluft in der Kirche zwischen ordinierten Amtsträgern, dem Klerus und den übrigen Gliedern am Leibe Christi, den Laien, immer tiefer. So ist aus einer langen Geschichte her der Satz „Bei uns ist für Theologie allein der Pfarrer zuständig!“ zwar verständlich, aber neutestamentlich nicht haltbar und durch die reformatorische Wiederentdeckung des allgemeinen Priestertums aller Glaubenden als unbiblisch zurückgewiesen worden. In Anlehnung an die biblische Aussage, nach der auch der Laie als Mitglied des Volkes Gottes priesterliche Aufgaben erfüllt und darum auch zu einem geistlichen Urteil befähigt ist, setzt die Kirchenordnung in den reformatorischen Kirchen ganz selbstverständlich die theologische Kompetenz von Presbytern voraus. So besagt etwa § 15 der KO der EKiR, daß es zur Leitungsverantwortung des Presbyteriums gehört, für „die lautere Verkündigung des Wortes Gottes und die rechte Verwaltung der Sakramente Sorge zu tragen“ – ebenso wie für die Bezeugung des Evangeliums „im Lehren und Lernen, Leben und Dienst gemäß dem in der Gemeinde geltenden Bekenntnis“. Darüber hinaus hat das Presbyterium insgesamt und nicht nur die dafür angestellten Pfarrer, Diakone und Kirchenmusiker „den Auftrag zur Seelsorge und Diakonie, zum missionarischen Dienst, zur Förderung der Kirchenmusik und zur christlichen Erziehung und Bildung“. Ein umfassender Aufgabenkatalog also, für den Sie als Presbyterinnen und Presbyter Verantwortung tragen, was ohne eine theologische Grundkompetenz wohl nicht möglich wäre. Wie sollte ein Presbyterium sonst über die Lauterkeit der Verkündigung oder die Angemessenheit der gemeindlichen Sakramentspraxis zutreffend urteilen können? Nach der KO jedenfalls können Sie als Presbyter theologische Streitfragen wie z.B. die nach der Judenmission oder der Segnung homosexueller Lebensgemeinschaften nicht einfach den Theologen überlassen und sich ihren Vorgaben kritiklos anschließen. Vielmehr ist auch in solchen grundlegenden theologischen Fragen ihr eigenes Urteil gefragt.
Leider trifft das mangelnde Selbstbewusstsein von Presbytern hinsichtlich ihrer eigenen theologischen Urteilsfähigkeit nicht selten bis heute auf Pfarrer, die sich bei theologischen Fragen aufgrund ihres Studiums und ihrer Ordination für allein zuständig und kompetent halten. Ich denke an die Auseinandersetzung in einem westfälischen Presbyterium, in dem ein Presbyter mit seinem Vorschlag, die Andachten im Gemeindebrief könnten doch im Wechsel zwischen Pfarrern und ehrenamtlichen Mitarbeitern verfasst werden, heftigen Widerspruch der beiden Pfarrer auslöste. Deren Argument: Sie seien durch ihr Studium und ihre Ordination allein dazu befähigt, das Wort Gottes öffentlich angemessen auszulegen und dies würde von der Gemeinde auch so erwartet. Wenn Sie jetzt innerlich den Kopf über soviel theologischen Dünkel und übersteigertes Amtsbewußtsein schütteln, dann glauben Sie mir: Auch in Ihrer Kirche trauen sich viele Presbyter keine theologische Kompetenz zu und mangelt es da und dort an Pfarrern, die ihre Presbyter ausdrücklich dazu ermutigen und darin fördern.
Wie lässt sich diese unheilige Allianz von unangemessener Selbstbeschränkung von Presbytern und übertriebenem Amtsanspruch von Pfarrern überwinden? Wie gewinnen Sie als Presbyterinnen und Presbyter mehr Selbstbewusstsein, ihr eigenes, vom Pfarrer unabhängiges theologisches Urteilsvermögen zu entwickeln? Wie kommen noch mehr Pfarrerinnen und Pfarrer zu der Einsicht, dass sie trotz Studium und Ordination keinen Monopolanspruch auf theologische Kompetenz erheben können und daher gut daran tun, ihren Presbyterinnen und Presbytern ein eigenständiges theologisches Urteil zuzutrauen und dieses auch in Anspruch zu nehmen? – Von diesen Fragen möchte ich mich bei meinen folgenden Überlegungen leiten lassen.
2. Was verstehen wir unter Theologie bzw. theologische Kompetenz im Blick auf Lehre und Leben der Kirche?
Lassen Sie mich zunächst darlegen, was unter Theologie bzw. theologische Kompetenz zu verstehen ist. Theologie ist „die Lehre bzw. Wissenschaft von Gott“. Demnach verfügt der über theologische Kompetenz, der sich etwa im Rahmen eines akademischen Studiums wissenschaftlich mit der Gottesfrage und dem Glauben auseinandergesetzt und durch erfolgreich bestandene Examina seine Befähigung zum theologischen Urteil unter Beweis gestellt hat. Doch ein solches Verständnis, das von der Theologie als einer absolut objektiven und ergebnisoffenen Wissenschaft ausgeht, halte ich mit vielen andern Theologen für einseitig und weise es darum im Kern als unzutreffend zurück. Träfe es in dieser Einseitigkeit zu, dann müssten Sie als Presbyterinnen und Presbytern das Feld der Theologie tatsächlich allein den Theologen überlassen. Zwar gibt es immer wieder theologische Lehrer, die prinzipiell jede Verbindung von theologischer Forschung und kirchlicher Praxis ablehnen. In meinem Studium bin ich Gott sei Dank aber auch andern Theologieprofessoren begegnet, die sich unbeschadet ihrer wissenschaftlichen Reputation zugleich auch als Lehrer der Kirche und Verkündiger des Evangeliums verstanden. Wie unhaltbar eine prinzipielle Trennung der Theologie vom praktischen Glauben und Leben der Christen ist, lässt sich an einem kleinen Beispiel verdeutlichen: Wenn ein in der medizinischen Forschung tätiger Wissenschaftler erklären würde, er habe mit der Heilung kranker Menschen nichts zu tun, so wäre das absurd. Welchen Sinn macht sonst seine Forschung?! Ähnlich absurd ist es, wenn einer theologisch forscht und dabei erklärt, er interessiere sich nicht dafür, ob Gott existiert und wie Menschen an ihn glauben können.
Theologie im umfassenden Sinn hat es immer auch mit dem praktischen Glauben und Leben zu tun. Ja, die Theologie hat eine Rechenschaftspflicht gegenüber der glaubenden Gemeinde. Sie kann und soll der Gemeinde helfen, den Glauben an Gott auch gegenüber kritischen Rückfragen zu begründen und ihn argumentativ zu stützen. D.h. ich sehe die Theologie in einer dienenden Funktion. Theologie wird also nicht da sachgemäß gelehrt, wo sie abgehoben vom Leben und Glauben der Gemeinde im Elfenbeinturm der Wissenschaft forscht, sondern wo sie sich auf die Fragen und Probleme der Zeit einlässt und den christlichen Glauben selbst für seine schärfsten Kritiker mit Argumenten der Vernunft zumindest plausibel erscheinen lässt. So gesehen ist Theologie weder glaubensfern, noch kann sie den Glauben wissenschaftlich beweisen oder widerlegen. Den größten Dienst erweist die Theologie dem Glauben darin, dass sie ihn dialogfähig für das Gespräch mit Kritikern, Zweiflern und den Anhängern anderer Überzeugungen macht. Darüber hinaus kann und soll die Theologie dazu beitragen, dass Christen trotz verständlicher Einwände und Zweifel ihres Glaubens gewisser werden. Sie leitet dazu an, zeitgebundene Erkenntnisse von fundamentalen Aussagen des Evangeliums zu unterscheiden. So kann uns z.B. die Theologie helfen, in dem Satz des Apostels Paulus „Die Frauen sollen in den Gemeindeversammlungen schweigen!“ (1.Kor.14, 34) eine zeitgebundene Anweisung zu sehen, während die Aussage, dass in Christus allein das Heil der ganzen Welt begründet liegt (vgl. Apg. 4, 20) eine fundamentale Wahrheit darstellt, mit der christlicher Glaube steht und fällt.
3. Wie gewinnen Presbyter theologische Kompetenz?
Die entscheidende Grundlage zur Erlangung theologischer Kompetenz ist nicht ein wissenschaftlich fundiertes Theologiestudium, sondern das Vertrautsein mit der Bibel als der entscheidenden Quelle für Glauben und Leben. Hier gilt, was bereits im Grundartikel der Kirchenordnung der EKiR festgehalten wird, dass nämlich „die Heilige Schrift die alleinige Quelle und vollkommene Richtschnur des Glaubens, der Lehre und des Lebens ist“. Allein die Bibel – und nicht etwa wie in der katholischen Kirche - die Bibel und die kirchliche Tradition bzw. das päpstliche Lehramt ist die bestimmende Norm für Glauben und Leben für uns evangelischen Christen. Ohne die Bibel lässt sich also keine theologische Kompetenz gewinnen. Wer meint, sich sachgemäß mit dem christlichen Glauben zu befassen und sich darüber ein ernstzunehmendes Urteil erlauben zu können, der muss sich mit dem Zeugnis der Bibel als der einzigartigen Urkunde des Glaubens auseinandersetzen. Ohne die Bibel kommt man dem Glauben nicht auf die Spur und geht der Sache mit Gott nicht wirklich auf den Grund. Damit ist nicht gesagt, dass man von vornherein alles glauben müsste, was in der Bibel steht. Nein, kritische Rückfragen sind durchaus erlaubt und aus Gründen der Wahrhaftigkeit und der erstrebten Klarheit willen auch erwünscht. Doch weil Gott sich in der Bibel auf vielfältige Weise Menschen offenbart und dabei ihren Unglauben und Zweifel überwunden hat, können wir darauf vertrauen, dass dies auch heute geschieht, wenn Menschen sich offen und unvoreingenommen auf das Zeugnis der Bibel einlassen.
Aber ist nicht doch ein bestimmtes theologisches Handwerkszeug vonnöten, um die Bibel angemessen verstehen und auslegen zu können? Ich möchte mein Theologiestudium wirklich nicht geringschätzen und bin für die theologischen Lehrer dankbar, die mir geholfen haben, tiefer in das Verständnis des Bibel einzudringen und meinen Glaubenshorizont zu weiten. Trotzdem behaupte ich: Die entscheidende theologische Kompetenz habe ich nicht durch mein Studium erworben, sondern im persönlichen Umgang mit der Bibel, im Austausch mit andern Christen über Bibeltexte und der Bereitschaft, mich in meinem Leben auf das Wort Gottes als Maßstab und Orientierung einzulassen. Wissenschaftliche Methoden, exegetische Kommentare, Kenntnis der biblischen Sprachen: dies alles ist sicher eine Hilfe zum besseren Verständnis der biblischen Überlieferung, doch der entscheidende Dolmetscher, der uns das Zeugnis der Bibel aufschlüsselt, ist der heilige Geist. Wenn der Geist Gottes uns nicht die Augen für die Wahrheit und Zuverlässigkeit der biblischen Überlieferung öffnet, dann bleibt die Bibel ein Buch mit 7 Siegeln, selbst wenn wir mit allen Wassern wissenschaftlicher Theologie gewaschen wären.
Darum kann ich Ihnen nur Mut zur persönlichen Bibellektüre machen - ebenso wie zum gemeinsamen Austausch über Texte der Bibel in der Gemeinde. Warum nicht auch im Rahmen der monatlichen Presbyteriumssitzungen?! „Zurück zu den Quellen!“ sollte auch bei den anstehenden Beratungen eines Presbyteriums immer wieder als Devise beherzigt werden. Wie oft werden die monatlichen Sitzungen von Struktur-, Finanz- und Verwaltungsfragen bestimmt! Da gerät oft aus dem Blick, was eigentlich Kernauftrag der Kirche ist und worin ihr Alleinstellungsmerkmal besteht. Manche Probleme gewinnen eine solche Eigendynamik, dass ein Presbyterium darüber völlig verdrängt, wozu die Gemeinde eigentlich berufen ist und was sie für die Menschen am Ort einzigartig und unverzichtbar macht. Diese Berufung besteht doch darin, ihnen in Wort und Tat das Evangelium zu bezeugen, damit sie darin den tragfähigen Grund für ihr Leben finden und durch den Glauben an Jesus Christus und in der erfahrenen Gemeinschaft von Brüdern und Schwestern zuversichtlich leben und später einmal getrost sterben können.
Neulich bemerkte ein Presbyter in einer Diskussion: „Manchmal habe ich die Sorge, dass wir selbst dann noch in unserm Presbyterium leidenschaftlich über Finanz- und Strukturfragen debattieren, wenn sonntags kein Mensch mehr zu unserm Gottesdienst käme“. Das klingt sicher übertrieben, aber die Bemerkung zeigt doch, wie in dem Tagesgeschäft eines Presbyteriums das Gespräch über der aufgeschlagenen Bibel und das Nachdenken über die besondere Berufung der Gemeinde häufig unter den Tisch fällt. Ich kann Ihnen nur wünschen, dass Sie sich in ihren Sitzungen den „Luxus“ eines 30minütigen Bibelgesprächs leisten. Das kommt dann nicht nur ihrer theologischen Kompetenz als Presbyterium zugute, sondern wird sich auch heilsam und zeitsparend auf die anstehenden Beratungen und Entscheidungen in ihrem Presbyterium auswirken.
Neben der Beschäftigung mit der Bibel wird auch das Gespräch über die Bekenntnisse unserer Kirche Ihre theologische Urteilsfähigkeit schärfen. Dabei denke ich besonders an die Theologische Erklärung von Barmen. Die von der damaligen Synode der Bekennenden Kirche formulierten Thesen zählen nicht zu Unrecht zu den theologischen Grundlagen unserer Kirche und werden auch in der KO der EKiR als „eine schriftgemäße, für den Dienst der Kirche verbindliche Bezeugung des Evangeliums“ charakterisiert. Die in der Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus und den Irrlehren der Deutschen Christen formulierten Thesen einschließlich ihrer Verwerfungen falscher Lehren schärfen bis heute unser Bewusstsein, um wachsam gegenüber Zeitgeistströmungen und Irrlehren unterschiedlicher Art zu sein. Irrlehren, die sich womöglich unter dem Deckmantel christlicher Freiheit und Toleranz verbergen, tatsächlich aber die Fundamente des Glaubens unterhöhlen und zum Einsturz bringen können. Unsere Frontstellungen sind heute andere als zur Zeit des Nationalsozialismus. Anstelle totalitärer Ideologien haben wir uns heute z.B. mit der Propaganda eines ethischen Relativismus auseinanderzusetzen, der am Ende zu einer moralischen Beliebigkeit führt und dafür womöglich noch die Freiheit des christlichen Glaubens in Anspruch nimmt. Die Theologische Erklärung von Barmen hilft uns auch in unserer Zeit zur nötigen Wachsamkeit und Sensibilität gegenüber Einflüssen und Tendenzen, die den Menschen manipulieren und verführen wollen. Es gilt, auch heute falsche Herrschaftsansprüche zu entlarven und die im Glauben liegende Freiheit zu bewähren. Schon im Neuen Testament wird in der Unterscheidung der Geister (vgl. 1. Joh 4,1: „Prüfet die Geister, ob sie von Gott sind!“ und 1. Kor 12,10) ein wesentliches Merkmal geistlicher Mündigkeit bzw. theologischer Kompetenz gesehen. Der Inhalt von Irrlehren ändert sich; geblieben ist die Verantwortung von kirchlichen Leitungsgremien wie Presbyterien, die Geister zu unterscheiden und sich für die Wahrheit des Evangeliums einzusetzen, indem zugleich falsche Lehren entlarvt werden.
4. Kriterien einer praktisch-theologischen Kompetenz, die über das Vertrautsein mit Bibel und Bekenntnis hinausgehen
Zweifellos ist das Vertrautwerden mit der Bibel und den Bekenntnissen der Kirche unverzichtbar, um theologische Kompetenz zu erlangen. Doch beschränkt sie sich keineswegs darauf. Gewiss geht es auch heute immer wieder um Fragen der Lehre und damit um zentrale Inhalte unseres christlichen Glaubens. Wie wir das Sterben Jesu am Kreuz deuten und verstehen und ob sich die Auferstehung Jesu auch mit fernöstlichen Reinkarnationsvorstellungen in Einklang bringen lässt: Das berührt unsern christlichen Glauben an zentraler Stelle. Da geht es nicht um Ermessensfragen, die wir in evangelischer Freiheit unterschiedlich beantworten können; nein, da steht dann wirklich das Fundament unseres Glaubens auf dem Spiel. Daher ist theologisches Urteilsvermögen in Fragen der Lehre und des Bekenntnisses vonnöten, um nicht allen möglichen Irrlehren und Spekulationen in der Kirche Tor und Tür zu öffnen. Und doch geht der Gegenstand der Theologie – und damit die Frage nach einer theologischen Kompetenz - weit darüber hinaus. Weit häufiger als um Fragen der Lehre und des Bekenntnisses geht es allerdings in unsern Gemeinden um praktische Fragen des Zusammenlebens und Zusammenarbeitens. Die meisten Probleme und Konflikte entzünden sich am menschlichen Miteinander. So mangelt es nicht selten in den Gemeinden an der Bereitschaft, sich angesichts unterschiedlicher Prägungen und Positionen gemeinsam auf aktuelle Herausforderungen einzulassen. In dem Spannungsfeld von Traditionalisten und Erneuerern, von eher pietistisch bzw. evangelikal geprägten und mehr sozial bzw. gesellschaftlich orientierten Christen einen gemeinsamen Weg zu finden – und den dann auch im vertrauensvollen Miteinander zu gehen: dazu braucht es ebenfalls eine gehörige Portion an theologischem Sachverstand. Weil es dabei weniger um die Lehre als um das Leben geht, könnte man dabei von einer praktisch-theologischen Kompetenz sprechen. Natürlich hält die Bibel auch dafür jede Menge an konkreter Orientierung bereit. Denken wir nur an die Anweisung Jesu an seine Jünger, auf jede Form von Macht zur Durchsetzung eigener Vorstellungen und Ziele zu verzichten. So sagt Jesus etwa in Matthäus 20,25-27: „Ihr wisst, dass die Herrscher ihre Völker niederhalten und die Mächtigen ihnen Gewalt antun. So soll es nicht sein unter euch; sondern wer unter euch groß sein will, der sei euer Diener; und wer unter euch der Erste sein will, der sei euer Knecht“ Wenig später in Matthäus 23,8 sagt Jesus: „Einer ist euer Meister; ihr aber seid alle Brüder (und Schwestern)“. Bis heute verbindet sich mit dem Engagement in der Gemeinde mancher verdeckte Herrschaftsanspruch von Pfarrern und gelegentlich auch von Presbytern und andern Mitarbeitern. Dann wird das Amt zur Durchsetzung eigener Vorstellungen und Ziele missbraucht, indem man sich mit dem Hinweis auf die eigene Kompetenz in theologischen oder finanziellen Fragen über Einwände und Bedenken anderer Mitarbeiter hinwegsetzt. Hier braucht es Presbyter mit praktisch-theologischem Sachverstand, die mutig Konflikte offen ansprechen, kontroverse Auffassungen in ruhiger Sachlichkeit ausdiskutieren und dabei beharrlich nach gemeinsamen Lösungen suchen. Das wird allerdings nur dann in einem Presbyterium gelingen, wenn sich seine Mitglieder von wechselseitiger Wertschätzung, der Bereitschaft, aufeinander zu hören und der Überzeugung leiten lassen, dass auch der jeweils Andere nur das Beste für die Gemeinde will. Bei Spannungen und Konflikten in der Gemeinde ist die Gabe des Brückenbauers bzw. Vermittlers innerhalb eines Presbyteriums vonnöten. Dass diese Gabe dann keineswegs geringer zu schätzen ist als die theologische Sachkenntnis in Lehrfragen, lässt sich an der Missionspraxis des Apostels Paulus gut veranschaulichen. Zweifellos war Paulus ja einer der größten Lehrer der Christenheit. Die Rechtfertigungslehre, wie er sie besonders im Römer- und Galaterbrief entfaltet hat, wurde später zum entscheidenden Anstoß für die Reformation. Aber im Umgang mit Spannungen und Konflikten in einigen der von ihm gegründeten Gemeinden fehlte es diesem großartigen Apostel an der notwendigen praktisch-theologischen bzw. seelsorgerlichen Kompetenz. Da neigte er in seiner Schroffheit allzu oft dazu, aufgebrochene Konflikte wie theologische Streitfragen mit einem „Basta!“-Wort zu beenden, was dann gelegentlich – wie im Fall der Gemeinde in Korinth – gehörig schief lief und den Streit nur weiter verschärfte. Hätte Paulus da nicht Mitarbeiter wie Timotheus und Titus an seiner Seite gehabt, die durch ihren Besuch bei den aufgebrachten Gemeindegliedern die Wogen wieder glätten konnten und durch beharrliche Vermittlung schließlich für Annäherung und Versöhnung mit dem Apostel sorgten, so hätte Paulus bei all seinen unbestreitbaren Verdiensten in Korinth und andern Orten am Ende nur „verbrannte Erde“ hinterlassen. Darum ist bis heute für das Zusammenleben und –arbeiten in unsern Gemeinden diese Fähigkeit, bei kontroversen Positionen und Prägungen in geschwisterlichem Miteinander für einen fairen Ausgleich zu sorgen und dabei das gemeinsame Ziel nicht aus den Augen zu verlieren, von unschätzbarer Bedeutung. Das gilt besonders dann, wenn in einer Gemeinde auftauchende Spannungen und Konflikte zu handfestem Streit zu eskalieren drohen. Uns allen ist bewusst, dass die Glaubwürdigkeit unseres christlichen Zeugnisses in der Welt neben der Heuchelei durch nichts mehr beschädigt werden kann als durch Streit und Unfrieden unter uns Christen. Aber es gilt auch die Umkehrung: Nichts hat größere Ausstrahlung und Anziehungskraft auf andere Menschen als die gelebte Einheit einer Gemeinde in Gestalt eines herzlichen Miteinanders. Dazu braucht es in einer Gemeinde Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die achtsam und respektvoll miteinander umgehen, unbequeme Querdenker nicht ausgrenzen, sondern zu integrieren versuchen und dabei auch die Schwachen und Hilfsbedürftigen nicht aus dem Blick verlieren.
5. Von der Kompetenz, in der Gemeinde das Bewusstsein für ihren missionarischen Auftrag wach zu halten
Lassen Sie mich ein letztes Beispiel einer für Presbyter wünschenswerten praktisch-theologischen Kompetenz ins Spiel bringen. Ich vermute, dass am ehesten solche Presbyter über diese Fähigkeit verfügen, die erst relativ spät zum Glauben bzw. zur Gemeinde gefunden haben und denen daher noch am besten ein Blick von außen auf die Gemeinde gelingt. Ein solcher Blick kann einer Gemeinde einen wichtigen Dienst leisten, um zu erkennen, wo ihre Schwachstellen sind und welchen aktuellen Herausforderungen sie sich stellen müsste. Es ist doch so: Je länger man in der Gemeinde zuhause ist und etwa als Presbyter Verantwortung für sie trägt, umso größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass man vor allem wahrnimmt, was positiv ist und gelingt. Die Gefahr der Selbstzufriedenheit, in der man das Erreichte für das Bestmögliche überhaupt hält, ist dann ziemlich groß. Wer dagegen erst relativ spät Christ geworden ist und zur Gemeinde gefunden hat, der sieht in den meisten Fällen ihre Schwachpunkte und Mängel noch mit schärferen Augen. Es ist ja unbestreitbar so, dass wir mit dem gängigen Angebot an gemeindlichen Aktivitäten meist nur einen kleinen Ausschnitt der sich immer stärker ausdifferenzierenden Lebensmilieus unserer Gesellschaft erreichen. Die große Mehrheit unserer Gemeindemitglieder fühlt sich von den Angeboten unserer Gemeinde in keiner Weise angesprochen. Weil wir aber nach wie vor als Kirche den Anspruch haben, für alle Menschen da zu sein, denn „Gott will, dass allen Menschen geholfen wird und sie zur Erkenntnis der Wahrheit kommen“(1.Timotheus 2,4), kann sich eine Gemeinde niemals mit dem Kreis der bisher erreichten Menschen zufrieden geben. Das Bewusstsein für den missionarischen Auftrag der Gemeinde gegenüber den bisher von ihr nicht Erreichten wach zu halten oder neu zu wecken, zeugt von missionarischer Leidenschaft und Kompetenz. Leider findet diese nicht überall in unserer Kirche die Beachtung, die sie verdient. Immer wieder werden Presbyter, die hartnäckig danach fragen, wie die Gemeinde Außenstehende ansprechen und erreichen könnte, mit dem Hinweis auf die Aussichtslosigkeit solcher Bemühungen ausgebremst. Schnell heißt es dann: „Ein monatlicher Gottesdienst in anderer Gestalt für neue Zielgruppen, ein Glaubenskurs-Angebot für Erwachsene, ein Gospelchor-Projekt für Musikinteressierte: all das funktioniert in unserer Gemeinde ja doch nicht! – Und im Übrigen: Wo sollen wir die Mitarbeiter her nehmen – und wie kriegen wir das Ganze überhaupt finanziert?“ Die Argumentation der Realisten und Bedenkenträger erscheint oft so erdrückend vernünftig und plausibel, dass es den experimentierfreudigen Anstoßgebern schließlich den Mut nimmt. Die Folge ist dann nicht selten frustrierter Rückzug oder resignierende Anpassung. Dabei wäre es für jede Gemeinde – und ich füge hinzu: für jedes Presbyterium – so wichtig, wenigstens ein oder zwei in ihrer Mitte zu haben, die um des Evangeliums willen etwas Neues wagen möchten, damit Menschen für sich den Glauben und die Gemeinde entdecken können. Man muss deswegen nicht gleich Visionär oder gar Revolutionär sein. Aber aus Liebe zu den Menschen nach kreativen Wegen Ausschau zu halten, auf denen das Evangelium auch bei säkularisierten Zeitgenossen ankommt: solch praktisch-theologische Kompetenz in Sachen Mission steht einer Gemeinde gut an, wenn sie in der Spur Jesu bleiben möchte. Nennen Sie es „provozieren“, „Unruhe stiften“, „eingefahrene Wege verlassen“, „Grenzen überschreiten“, „etwas riskieren und dabei Mut zum Scheitern haben“ – mit allen diesen Etiketten ließe sich auch das Leben und Wirken Jesu zutreffend beschreiben. Um mit Menschen in Kontakt zu kommen und sie für sein Heil zu gewinnen, war ihm kein Weg zu weit, kein Hindernis zu groß und kein Vorurteil zu schwer. Sicher sind die Bemühungen um neue Wege zu den Menschen in einer Gemeinde nicht immer erfolgversprechend. Wie sollte es uns da anders ergehen als Jesus! Seine vorbehaltlose Zuwendung zu Kranken und Behinderten, seine anstößige Tischgemeinschaft mit stadtbekannten Sündern wie Zöllnern und Huren führte nicht überall zu dankbarer Gefolgschaft. Im Gegenteil! Gegen Ende seines Lebens stellt Jesus traurig fest: „Wie oft habe ich euch wie eine Henne ihre Küken unter meine Fittiche sammeln wollen, doch ihr habt nicht gewollt“ (Matthäus 23,37). Doch trotz solchen Misserfolgs hat Jesus bis zuletzt nicht aufgehört, für die zu beten, die ihn ans Messer geliefert hatten: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!“ so betet er noch am Kreuz (Lukas 23,34). Das Beispiel Jesu sollte uns Mut machen, nicht erst bei der begründeten Aussicht auf Erfolg Neues zu wagen, auf Menschen zuzugehen und sie spüren zu lassen, dass Gottes Lust an ihnen ungebrochen ist.
6. Schlussbemerkung: Wir sind Bettler – das ist wahr!
Lassen Sie mich meine Überlegungen mit einem Zitat schließen, dass als ein Vermächtnis Martin Luthers gelten kann. Man stieß nach seinem Tod im Februar 1546 darauf, als man neben seinem Bett einen kleinen Zettel fand. Darauf stand: „Die Heilige Schrift meine niemand genügend verschmeckt zu haben, er habe denn 100 Jahre mit Propheten Kirchen geleitet… Wir sind Bettler: Das ist wahr!“ Am Ende eines so reichen Lebens die Erkenntnis gewonnen zu haben, in geistlicher Hinsicht ein Bettler geblieben zu sein, mahnt uns erst recht zur Bescheidenheit. Wir mögen mit der Bibel und den Bekenntnissen der Kirche bestens vertraut sein, viele Jahre mit Pfarrern und Presbytern verantwortlich eine Gemeinde geleitet und uns dabei unsern ganzen theologischen Sachverstand mit eingebracht haben: Wir bleiben dennoch Bettler, die darauf angewiesen sind, dass der lebendige Gott sich selbst in stürmischen Zeiten seiner Gemeinde annimmt und sie sicher ans Ziel bringt.
Klaus Jürgen Diehl






